Kategorie: Community

Zukunft gestalten – Büro für sozialen Humusaufbau, Lauritz Heinsch

Lauritz Heinsch ist Permakultur-Designer und Bassspieler aus Fulda und hat 2015 das Büro für sozialen Humusaufbau gegründet. Er veranstaltet verschiedene non-profit Permakulturprojekte bundesweit. Wir haben mit ihm zusammen einen sonnigen Nachmittag im März 2022 verbracht und uns über Permakultur, den eigenen Lebensweg zu finden und natürlich über seinen Wandelpunkt unterhalten.

“Anstatt Abi zu machen, zog ich von meinem Geburtsort Fulda nach Hamburg, um dort beim Film zu arbeiten. Ich absolvierte solange Praktika als Set-Runner bis ich letztendlich zur Assistenz der Set-Aufnahmeleitung für ARD- und ZDF-Produktionen wie den “Tatort” oder “die Pfefferkörner” aufstieg und mit einer kleinen Crew selbst Kurzfilme drehte. Mit 21 reisten meine damalige Freundin und ich ein Jahr lang, mit Einsatz von nur sehr wenig Geld, teils trampend durch Schottland und Portugal. 2012 wurde ich Vater meines wundervollen Sohns Fjalle. Mit diesem Ereignis änderte sich mein Leben schlagartig, oder besser gesagt, ich änderte es schlagartig.”

“Von Ohnmachtsgefühlen, ob der zahllosen Missstände auf der Welt, überwältigt, suchte ich nach Strohhalmen, Hoffnungsschimmern und Lösungsstrategien. Diese Suche führte mich recht schnell, 2013, zum Permakultur-Design-Kurs auf dem Häuslemaierhof bei Freiburg. Dieser Kurs inspirierte und bekräftige mich dermaßen, dass ich sofort und unmittelbar das Studium an der PKAkademie begann und innerhalb dessen an 14 Vertiefungskursen, 2 PDKFs und zahlreiche Netzwerktreffen teilnahm. Mit einem Schmunzeln kann ich heute sagen, dass ich viele dieser Kurse wegen ihrer wohltunenden Atmosphäre und kräftigender Wirkung auf mich besuchte.”

“Völlig überwältigt von den neuen Perspektiven Zukunft zu denken und gestalten zu können, begann ich noch im selben Jahr eine Schreinerlehre, die Wildnispädagogik-Ausbildung an der Wildnisschule Wildniswissen und wurde Foodsharing-Botschafter meiner Stadt. 2016 beendete ich meine Schreinerlehre mit einer indoor-Komposttoilette als Gesellenstück. 2017 akkreditierte ich zum Dipl. Permakultur-Designer auf einem meiner Studienprojekte, dem Humus-Festival und beendete die 3-jährige Wildnispädagogik-Ausbildung.”

Wir haben Lauritz auch dazu gebeten, uns zu erklären, wie wir uns sozialen Humusaufbau vorstellen können.

“Was heißt denn ‘sozialer Humusaufbau’ überhaupt?”

Für mich heißt das vor allem “Gärtnern auf der Metaebene”.
“’Humus’ ist erstmal der obere Teil des Bodens, der aus fein zersetzten, organischen Substanzen besteht. Er ist nicht tot, denn in ihm leben Unmengen an Organismen, die an seinem Auf-, Um- und Abbau mitwirken. In nur einer Handvoll Humus existieren so viele Lebewesen wie Menschen auf der Erde: über sieben Milliarden. Außerdem ist Humus unerlässlich für die Versorgung der Pflanzen mit Nährstoffen.”

“Wie geht denn ‘Humusaufbau’?”

“Zunächst stellt sich die Frage, wie geht denn Humusabbau? Durch Erosion! Zum Beispiel fließendes Wasser oder Wind an der Erdoberfläche, was die leichte Erdschicht wegtransportiert. Fehlender Bewuchs oder ständiges Umgraben des Bodens macht es der Witterungen leicht. Humusaufbau kann also darin bestehen, den Boden bedeckt zu halten, schonend zu bearbeiten und bei starkem Gefälle das Oberflächenwasser auszubremsen. Wie gesagt, im Humus pulsiert das Leben, das die Grundlage für gesunden und fruchtbaren Boden bildet. Genug Humus kann es kaum geben. Humusaufbau ist also stets eine ausgezeichnete Sache!”

“Und was heißt jetzt ‘sozialer Humusaufbau’?”

“Es ist eine Metapher. Wir sind der Boden. Wir sind das, aus dem das gute Leben entspringt. Sind wir brach, wüst, karg und öde, hat uns die sinnbildliche Erosion die Lebendigkeit, den Flow, den Schmackes genommen, wird es Zeit die wichtigste Schicht unseres Lebens wieder aufzubauen und dazu mit anderen zu vernetzen.”

Links:
Büro für sozialen Humusaufbau: www.sozialhumus.de
Humus-Festivals: www.humus-festival.de
FLAKE: www.flake.world
Pfade zur Wildgestaltung: www.wildgestaltung.de
Wie:Du:Kind-Filmwerkstatt: www.wiedukindfilm.de
Hebel e.V.: www.hebeln.org
Instagram: sozialer_humusaufbau
Facebook: https://www.facebook.com/wildgestaltungFLAKE: www.flake.world

Zwischenspielmusik “October” vom Pseudosound


Falls ihr uns von eurem persönlichen Wandelpunkt erzählen möchtet und was daraus entstanden ist, oder wenn ihr jemanden kennt, den wir interviewen sollen, einfach kontaktieren oder eine E-Mail an kontakt@wandelpunkt-podcast.de schicken.
Wir freuen uns, von euch zu hören.

Gemeinsam geht’s leichter – Nachhaltigkeitspraktiker, Johanna Roos & Judith Busse

Johanna Roos ist gelernte Kultur-und Sozialanthropologin aus Frankfurt am Main und ist seit 2016 Mitarbeiterin in der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Seit 2020 leitet sie das Programm Nachhaltigkeitspraktiker, das Menschen dabei unterstützt, persönliche Ziele für eine nachhaltigere Lebensgestaltung umzusetzen und dann ihre Erfahrungen mit anderen zu teilen.
Judith Busse studiert Philosophie an der Goethe Universität in Frankfurt und hat 2021 an dem Programm teilgenommen.
In Oktober 2021 haben wir uns mit den beiden über die Herausforderung den ersten Schritt zu tun nachhaltiger zu leben, wie es gemeinsam einfacher geht und selbstverständlich über ihre Wandelpunkte unterhalten.

Während regelmäßiger, von der Stiftung begleiteter Treffen mit Gleichgesinnten unterstützen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Programms gegenseitig dabei, ihre Nachhaltigkeitsziele – sei es im Konsumverhalten, im Bereich Haushalt oder beim Thema Ernährung – zu erreichen. Ein begleitendes Workshop- und Vortragsangebot bietet zusätzliche Impulse. Welche Herausforderungen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf ihrem Weg zu mehr gelebter Nachhaltigkeit begegnen und welche Erfahrungen sie machen, teilen sie anschließend mit ihrem Umfeld. Ein Projektteam begleitet die Gruppe in der Umsetzung ihrer Nachhaltigkeitsvorhaben und unterstützt sie dabei, anderen ein Vorbild zu sein.
Anhand ihres eigenen Beispiels zeigen die Nachhaltigkeitspraktikerinnen und -Praktiker auf, wie es gelingen kann, an einer nachhaltigeren Stadtgesellschaft für Frankfurt mitzuwirken.

Jetzt ist auch schon klar, dass es im nächsten Frühjahr eine neue Runde Nachhaltigkeitspraktiker geben wird: Ab Ende Januar 2022 können sich Interessierte ab 18 Jahren (ohne Altersbeschränkung nach „oben“) wieder über die Website des Projekts bewerben. Los geht es dann Mitte März. Alle weiteren Infos gibt es Anfang nächsten Jahres auf der Website oder auch gerne bei einem persönlichen Gespräch.

Johanna

“Ich glaube es gab verschiedene kleinere Wandelpunkte, die mich immer wieder zu neuen Wandelpunkten führten. Zuerst vielleicht mich als junges Mädchen zu entscheiden der Tiere wegen kein Fleisch mehr zu essen, dann das Entsetzen in britischen Supermärkten mit doppelt und dreifach in Plastik eingepackten Lebensmitteln und der Schwierigkeit, mit wenig Geld anders einzukaufen, dann das Erleben von vermüllten Stränden und die Themen, die mir danach in der Bildungsarbeit im Weltladen begegnet sind (zum Beispiel der Wasserverbrauch in der Kleidungsindustrie…). In Frankfurt hat dann das Thema Lebensmittelrettung nochmal ganz neue Perspektiven eröffnet und so habe ich dann nach und nach die unterschiedlichen Initiativen hier in Frankfurt entdeckt. Das Engagement der Menschen in den Initiativen hat mich persönlich sehr beeindruckt und inspiriert.”

“Die Idee zum Projekt kam gemeinsam 2019 mit einem ehemaligen Stipendiaten, inzwischen Referenten in unseren Programmen in der Stiftung. Wir waren uns einig, wie schwer es ist, alte Routinen aufzugeben und neue zu etablieren und dann auch dran zu bleiben. Außerdem gibt es so viele Informationen an so vielen Stellen, die manchmal überfordern oder auf den ersten Blick den Eindruck erwecken, dass ich es als Einzelperson nur schwer richtig oder besser machen kann. Manchmal ist es einfach schwer einzuschätzen, welcher Weg der bessere ist. Wenn dann das eigene Umfeld vielleicht (noch) nicht so interessiert an nachhaltigeren Lebensweisen ist, wird es noch schwieriger.”

“So kam die Idee Menschen die Möglichkeit zu geben, sich in einer Gruppe schaffbare Ziele Schritt für Schritt vorzunehmen, sich dort auch gegenseitig zu motivieren dranzubleiben, Input von Expertinnen und Experten zu bekommen und am Ende dann anderen von den eigenen Erfahrungen zu berichten und zu zeigen, wie und wo man anfangen kann.”


“Personen, die ihren Alltag nachhaltiger gestalten wollen möchte ich gerne noch sagen: Fangt da an, wo es euch leichtfällt. Sucht euch etwas aus, das ihr Lust habt auszuprobieren. Schaut auch darauf, was ihr schon macht und nehmt euch nach und nach Zeit in eurem Alltag in Küche, Bad, Einkauf… zu beobachten, wo ihr Dinge ändern könnt. Dann fangt langsam mit der Umstellung an. Nehmt zum Essen gehen eine Dose von zuhause für die Reste mit oder löscht mal alte E-Mails, die das Postfach unnötig füllen und so Strom für die Speicherung verbrauchen. Sicher werden euch dann noch viel mehr Möglichkeiten auffallen, welche eurer Routinen ihr verändern könnt. Und vergesst nicht, anderen Leuten von euren Vorhaben, Herausforderungen und Erfolgen zu erzählen. Hoffentlich probieren sie es dann auch.”

Judith

“Immer wieder, wenn ich frustriert bin, weil ich etwas nicht hinbekommen habe oder ich das Gefühl habe nichts ändern zu können in der Welt, dann sind Begegnungen mit Menschen jedes Mal wieder ein Wandelpunkt für mich. Sie motivieren mich, bauen mich auf und geben mir wieder Freude am Leben. Ich glaube, dass die Grundlage für nachhaltiges Leben und Handeln die Beziehung der Menschen zueinander und mit der Natur ist.”

“Als ich bei einem Vortrag beim Programm Nachhaltigkeitspraktiker*innen gehört habe, wie viele Plastikteilchen beim Wasserkochen im Plastikwasserkocher ins Wasser gehen, habe ich wieder vermehrt über das Thema Plastik nachgedacht und daraus entwickelte sich auch die Idee für meine Kurzgeschichte über Plastik.”

Hier klicken um Judiths Kurzgeschichte zu lesen.

Links:
Nachhaltigkeitspraktiker der Stiftung Polytechnische Gesellschaft:
Webseite: https://www.nachhaltigkeitspraktiker.de
Instagram: https://www.instagram.com/sptgffm

Goethe‘s Green Initiative:
Website: http://goethesgreenoffice.de
E-Mail: kontakt@goethesgreenoffice.de

Umsonstladen „Drehscheibe“:
Website: http://goethesgreenoffice.de/umsonstladen-drehscheibe
Facebook: https://www.facebook.com/umsonstladenGGO
E-Mail: drehscheibe@goethesgreenoffice.de

Alle Fotos: Stiftung Polytechnische Gesellschaft, Philip Eichler

Zwischenspielmusik “Turkey Groove” vom Pseudosound


Falls ihr uns von eurem persönlichen Wandelpunkt erzählen möchtet und was daraus entstanden ist, oder wenn ihr jemanden kennt, den wir interviewen sollen, einfach kontaktieren oder eine E-Mail an kontakt@wandelpunkt-podcast.de schicken.
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Gemeinschaftsgärten GemüseheldInnen, Juliane & Laura

 

GemüseheldInnen ist ein Projekt gegründet von Juliane Ranck und Laura Setzer aus Frankfurt am Main. Im März 2019, inspiriert durch Rob Hopkins und der Transistion Town Bewegung und nach dem Prinzip der Permakultur, haben die beiden einen verlassenen und vermüllten Garten in der Grünen Lunge Frankfurt am Günthersburgpark übernommen und wiederbelebt. In kürzester Zeit sind viele Menschen und Gärten dazugekommen und jetzt bewirtschaften sie alle zusammen die Gemeinschaftsgärten.
Im März 2020 saßen wir zusammen und haben uns über ihre persönlichen Wandelpunkte und das daraus entstandene Projekt unterhalten.

“Ich habe nach dem Abitur Theater-, Film- und Medienwissenschaft studiert und wollte eigentlich Lektorin werden. Nach der Geburt meiner Kinder habe ich dann einen ganz anderen Weg eingeschlagen: Ich habe einen Laden für ökologische Baby- und Kinderbekleidung, die Wollke7 im Frankfurter Nordend, eröffnet. Diesen Laden habe ich 7 Jahre lang geführt und ihn dann an das Reformhaus Andersch, in dem der Laden sich befindet, abgegeben. Seitdem bin ich dort mit einer halben Stelle beschäftigt und widme mich in meiner übrigen Zeit unserem Projekt ‘GemüseheldInnen’.

Meinen Werdegang kann ich eigentlich so zusammenfassen, dass ich, in eine Akademiker-Familie hineingeboren, dachte, dass nur ein akademischer Beruf für mich in Frage käme. Über die Jahre habe ich immer mehr gemerkt, dass mir praktische, körperliche Arbeit viel mehr liegt als die rein intellektuelle, und dass ich eigentlich am liebsten mit den Händen arbeite. In unserem Projekt kann ich nun beides optimal vereinen: Auf der einen Seite kann ich mich im Garten verausgaben, auf der anderen Seite Texte schreiben und Vernetzung betreiben.”

Juliane Ranck (rechts im Foto)

“Mich hat tatsächlich ein Film schwer beeindruckt und zwar der Film “Tomorrow”, der aufzeigt, weltweit, welche Lösungsansätze verschiedene Projektinitiativen einzelne Bürger und Bürgerinnen haben. Und was ich so spannend fand war, dass Menschen nicht nur einfach begonnen haben etwas zu machen, sondern, dass es Menschen sind, wie du und ich, die jetzt keine Experten für irgendwas sein müssen, sondern man nimmt die Fähigkeiten, die man aus seinem Werdegang erlernt hat, seine beruflichen Fähigkeiten und setzt die für was ganz neues ein, in einem neuen Kontext.”

Laura Setzer (links im Foto)

Juliane und Laura haben das Projekt für uns so beschrieben:

“Das GemüseheldInnen-Projekt ist ein neues Modell für städtisches Miteinander in Zeiten der Klimakrise. Wir sind eine offene Gruppe, die in der Grünen Lunge am Günthersburgpark mehrere Gemeinschaftsgärten nach den Richtlinien der Permakultur bewirtschaftet. Das Konzept ist, dass jedeR mitgärtnern und mitwirken kann. Wir gärtnern ohne chemische Keulen und schonen die Natur.

Es geht darum einen Schritt in Richtung Ernährungssouveränität zu machen. Wir sind dabei Obst- und Gemüseanbau wieder zu erlernen und zu entdecken – und all das mitten in der Stadt. Soziales Miteinander ist hierbei die zentrale Basis. Wir möchten mit dem Projekt aufzeigen, wie man als Stadtbürger*innen Gemeinschaft in Verbindung mit Stadtgrün neu denken kann und vor allem, wie man eine Stadt resistenter, gesünder und sozialer gestaltet.

Seit Februar 2020 werden wir getragen von Bionales e.V. (Bürger für regionale Landwirtschaft). Zusammen mit dem Ernährungsrat Frankfurt arbeiten wir gerade an einem Konzept für essbare Inseln (PermaKulturInseln) für ganz Frankfurt.”

Zum Zeitpunkt des Interviews ist die Zahl der GemüseheldInnen schon auf ca. 100 Bürger angewachsen, die 10 Gärten bepflanzen.
JedeR kann mitmachen, gärtnerische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich und ernten darf auch jedeR.
Die Gärten sind jeden Sonntag zwischen 14 und 17 Uhr für Interessierte geöffnet.
Durch Corona hat sich die Lage natürlich geändert!
Für aktuelle Informationen am besten auf ihrer Facebook-Seite nachschauen.

GemüseheldInnen Frankfurt (ein Projekt des Vereins BIONALES – Bürger für regionale Landwirtschaft und Ernährung e.V.)
E-Mail: gemueseheldenfrankfurt@posteo.de
Telefon: 0176-24031544
https://www.gemueseheldinnen-frankfurt.de
https://www.facebook.com/GemueseheldinnenFrankfurt
https://www.instagram.com/gemueseheldinnenFrankfurt
Um einen Eindruck von den Gärten zu bekommen, schaut euch das Video bei YouTube an.

Um das Projekt zu unterstützen:
https://www.change.org/o/gemüseheldinnen_frankfurt
https://buerger-fuer-regionale-landwirtschaft.de/gemueseheldinnen

Ein Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über das Projekt:
https://m.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurter-kaempfen-um-erhalt-eines-biotops-16406863.html

Der sehenswürdige Film, der Laura inspiriert hat:
Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen


Alle Musik im Podcast ist vom Pseudosound. https://www.reverbnation.com/pseudosound